Zwischen grenzenloser Magie und fehlender Abwechslung

Vlada Uroševićs „Meine Cousine Emilia“

@ DTV/Robert Jankuloski

Von Marco Börsch

Im Skopje der 1940er-Jahre erlebt ein namentlich nicht genannter, jugendlicher Erzähler allerlei Aufregendes – immerzu mit seiner ominösen, geheimnisvollen, mitunter grausamen Cousine Emilia. Eingebettet in die große Familie, deren Bedeutungslosigkeit für die Geschichte durch die ausschließliche Bezeichnung als Onkel und Tanten symbolisiert wird, streifen die beiden Protagonisten durch die Straßen ihrer Heimatstadt, treffen auf Fabelwesen, längst verstorbene Menschen und besuchen Orte der Vergangenheit.

„Meine Cousine Emilia“ wird maßgeblich durch die der Erzählung innewohnenden Magie geprägt. Mit dem Mädchen an der eigenen Seite scheint für den Jungen, der dem Leser die Geschichte näherbringt, alles möglich, sämtliche Grenzen der Realität werden gesprengt. Die Chronologie wird ihrer Gesetze beraubt, in Märchen mindestens knietief eingetaucht. Das verdeutlicht bereits das erste Kapitel, in dem sogleich Elefanten, „würdevoll, ernst, sich ihrer Größe bewusst“ schreitend, in Skopjes Umgebung auftauchen und von dem jugendlichen Entdeckerpärchen begutachtet werden. Für ihre Existenz in dieser Umgebung lässt sich keine logische Erklärung herleiten. Ihr natürlicher Lebensraum befindet sich freilich Hunderte und Aberhunderte Kilometer entfernt, aus dem örtlichen Zoo können sie ebenfalls nicht entflohen sein, da dieser nicht über solche verfügt. Am ehesten lässt sich die Szenerie mit einer An- sichtskarte erklären, die die Kinder zuvor im großväterlichen Haus entdeckt haben.

Das Motto des Romans ist folglich vorgegeben: Limitierungen setzt lediglich die eigene Vor- stellungskraft. Anspielungen darauf unternimmt die Erzählung höchstselbst. Beispielsweise heißt es unter anderem: „In diesen Tagen ließ sich alles glauben.“ (S. 29) Oder die Realität des Erlebten wird gleich vollständig in Frage gestellt, wenn der Erzähler im Nachhinein einer der zahlreichen Episoden reflektiert: „Waren wir wirklich im Hamam gewesen? Gab es diese Welt aus alten, abgelebten Gegenständen und dumpfen Gerüchen tatsächlich? Hatten wir wirklich die Alte gesehen, die hier von allen unbemerkt lebte, wer weiß wie lange schon? War das alles tatsächlich geschehen oder hatten wir einen Augenblick lang geträumt?“ (S.78) Traum, Phantasie oder Realität sämtliche Episoden benötigen stets eine Konstante: Die Cousine Emilia.

Wer ist Emilia?

Eigentlich ist Emilia gar keine richtige Cousine, sondern vielmehr eine entfernte Verwandte, deren Eltern während des Krieges im Haus des Großvaters Simon vorüberziehen, die Tochter zurücklassen und den eigenen Weg fortsetzen. So gelangt das Mädchen in das Leben des Er- zählers. Die genauen Verhältnisse bleiben dabei verschwommen. Hier lebt Emilia im Haus des Großvaters, dort wird sie bei Tanten untergebracht, die bloß in den geringsten Fällen nä- her identifiziert werden, vorwiegend trotz der familiären Nähe in der vollständigen Anonymi- tät verweilen.

Die einzige Ausnahme der wiederkehrenden Figuren bilden Opa Simon und der eigentümli- che Stadtstreicher Muto. Vor allem das weise Familienoberhaupt taucht beharrlich in den ver-

schiedensten Erlebnissen von Emilia und ihrem Cousin auf. Mal überrascht seine plötzliche Anwesenheit, mal verwirrt sie, mal versucht er rettend einzugreifen, weil er aufgrund seiner semi-wissenschaftlichen Analysen Situationen durchschaut beziehungsweise vorhersieht.

Letztlich entfalten jedoch nur der Erzähler und seine Cousine ihre essentielle Bedeutung für die Gestaltung und den Fortgang der Geschichte. Sie prägen jedes Kapitel, initiieren jede Handlung. Sogar eine sexuelle Komponente bringt Emilia in die Geschichte, obschon in ver- schleierte oder metaphorischer Weise. Dementsprechend finden sich die Protagonisten in ei- nem Kapitel mitten in einem Märchen wieder. Alles, was sie erleben, wird von drei neugieri- gen Hexen verfolgt und kommentiert: „‚Sie knöpft ihm die Hose auf‘, sagte Muma. ‚Sie nimmt seinen kleinen Stößel in die Hand‘, sagte Guga. ‚Oh, sie nimmt sein bleiches Stängel- chen in den Mund‘, sagte Dschudscha.“ (S. 67) Doch gerade solche Episoden, die explizit als Märchen deklariert sind, stellen nicht nur die Realität des Erzählten in Frage, sondern wecken zugleich hartnäckig den Verdacht, Emilia könnte eventuell bloß der Vorstellung des Erzählers entspringen.

Eine märchenhafte Episode als Exempel für die gesamte Erzählung

Ebenjenes Kapitel bietet sich überdies als beispielhafte Episode für den gesamten Roman an. Sämtliche Motive sind hier angelegt. Die Protagonisten sind eingebettet in ein idyllisch- phantastisches Ambiente, das dank der drei idealtypischen Hexen mit märchenhaften Elemen- ten angereichert ist. Überdies entfalten Muma, Guga und Dschudscha eine latent bedrohliche Wirkung, ohne wirklich Gefahr auszustrahlen. Sie sind Teil der Geschichte, ohne letztlich aktiv an ihr zu partizipieren. Wie alle anderen Nebenfiguren verkörpern sie das Inventar, die Kulisse, vor der Emilia und ihr Cousin aufwachsen und ihre Abenteuer erleben. Sie umhüllen die Jugendlichen und ebnen somit den Weg in die absonderlichsten Erlebnisse, mit magischen Komponenten. Im Fall des Märchen-Kapitels entdecken die beiden einen Baum im familien- eigenen Garten, der nur in der Nacht existiert.

Strukturelle Eintönigkeit...

Wenn ein einziges Kapitel als Exempel für alle weiteren interpretiert werden kann, liegt ein Mangel an struktureller Vielfalt nahe. Diesen Vorwurf muss sich „Meine Cousine Emilia“ gefallen lassen, denn jedes einzelne der 18 Kapitel das letzte eventuell ausgenommen ist anhand immer wiederkehrender Eckpunkte aufgebaut. Vereinfacht ließe sich konstatieren: Der Erzähler berichtet von einer Situation in seinem Zuhause, in der Schule oder von einem anderen Ort. Irgendwann im früheren oder späteren Verlauf der Episode taucht Emilia auf und ebnet den Weg zu den allgegenwärtigen wundersamen Erfahrungen. Sie erfüllt Wünsche, übt sich an grausamen Voodoo-Maßnahmen, gemeinsam besuchen die Kinder Örtlichkeiten aus vergangenen Zeiten. Inhaltlich ist folglich Abwechslung innerhalb der einzelnen Episoden geboten, die allesamt für sich alleine stehen könnten, bloß strukturell herrscht ein einziges Muster vor, mit dem niemals gebrochen wird.

Der Umstand zieht mitunter den Anschein dramaturgischer Willkür nach sich, die keinem logischen Motiv unterliegt. Als beliebteste und zugleich häufigste Auffälligkeit sei in diesem Kontext auf die vielen Initiationen der einzelnen Episoden im Familienkreis verwiesen. Ein Gewitter zieht herauf und eine Tante hat vergessen, die Fenster in ihrem Haus zu schließen,

eine Zutat für ein bestimmtes Gebäck fehlt, jemand muss sie besorgen. Die Liste ebensolcher Ausgangssituationen ist lang. Stets tagt dann der Familienrat und schlussendlich gelangt er immer zu der „einfachsten Lösung“, indem er Cousin und Cousine beauftragt, das Problem zu lösen. Wieso das stets die „einfachste Lösung“ verkörpert, bleibt das Geheimnis des Romans. Die Annahme liegt nahe, es handele sich vorwiegend um die einfachste Lösung für den Autor, sich einer einfallslosen Begründung für den Beginn der nächsten abenteuerlichen Episode zu bedienen.

...gegen bildgewaltige sprachliche Ausdrücke

Diese einfache bis mit mangelnder Kreativität ausgestattete Struktur des Romans drückt tat- sächlich den Lesegenuss, denn irgendwann fühlt man sich nur noch gelangweilt von den Wendungen im Hause des Großvaters, die die Kinder letztlich auf Skopjes Straßen schicken; man sieht sie regelrecht kommen, erahnt sie. Demgegenüber steht jedoch die ausgezeichnete sprachliche Ausgestaltung des gesamten Romans. Vlada Urošević versteht es vorzüglich, bildhafte Sätze zu formen, die sogleich unweigerlich eine genaue Vorstellung der jeweiligen Szenerie im Kopf des Lesers wecken.

Beispielhaft lässt sich in diesem Zusammenhang eine geniale Kriegsmetaphorik anführen, die in den unkonventionellen Heizmethoden der Armut verortet ist: „In der Küche war es warm; wir verheizten bereits Lateinwörterbücher, Gartenratgeber, Jahresbände humoristischer Zeit- schriften und ausgesprochen schön kolorierte Ansichtskarten. Ferne Städte brannten mit bläu- lichem Schein, von transparenten Seen platzte die Farbschicht, aus Grünanlagen stieg kaum sichtbarer schwefelig-grüner Rauch. Mittlerweile zerbombte Kathedralen krümmten sich in unglaublichen Verrenkungen, und prachtvolle Barockgebäude, die in diesem Moment viel- leicht tatsächlich in Flammen standen, zerfielen zu Asche. Am besten brannten die Panorama- ansichten von Provinzstädten. Die Bilder mit Motiven von verschneiten Landschaften, auf denen die Bäume von einem Glitzerpuder aus zerstoßenem Glas bedeckt waren, zischten und qualmten.“ (S. 23)

Über ebenjene sprachliche Ausgestaltung versteht es Urošević ferner Authentizität zu kreie- ren, wenn er Sinneseindrücke beiläufig darlegt und dem Leser somit den Zugang in seine ge- schaffene Welt erleichtert. Teilweise verliert er sich zwar in solchen Beschreibungen, aber wer sich daran stört, wird schnell eine Lesestrategie entwickeln, die es ihm erlaubt, solche Passagen zu überfliegen und unmittelbar zu den wesentlichen Inhalten zu springen.

Tatsächliche sprachliche Mängel findet man nur selten. Hin und wieder taucht eine unnötige Wortwiederholung auf, die jedoch nicht weiter ins Gewicht fällt. Lediglich eine spezifisch untypische, grundsätzlich sehr schöne Formulierung zum Ende des Buchs sticht in ihrem dop- pelten Aufkommen besonders negativ ins Auge. Überdies haben sich speziell im letzten Drit- tel der Erzählung offensichtliche Übersetzungsprobleme bzw. -nachlässigkeiten eingeschli- chen, die problemlos zu vermeiden gewesen wären.

Insgesamt lässt sich „Meine Cousine Emilia“ als sprachlich ausgezeichneter, vor Metaphern sprühender Roman bezeichnen, der seine Leser mit der ihm innewohnenden Magie der ein- zelnen Episoden und der Frage nach der genauen Konzeption der Protagonistin für sich ein- nimmt. Dabei büßt er jedoch ein beachtliches Maß an Qualität ein, indem er auf struktureller

Ebene auf einem zu einfachen, zu flachen Niveau verweilt und ein wenig spektakuläres Ende ohne durchaus angebrachte, nähere Auflösungen anbietet.

Vlada Urošević, „Meine Cousine Emilia“, dtv, 236 Seiten, ISBN 978-3-423-24996-6, 14,90 Euro 

Über unseren Autor:

Marco Börsch

Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Koblenz-Landau Master of Education in den Fächern Geschichte und Germanistik


Anzeige

Newsletter

Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an.
Newsletteranmeldung

Kurzartikel

Gutschein gewonnen

Den Reisegutschein für das Quality Hotel Vital zum Stern in Bad Meinberg hat Marvin Kaeding aus Leipzig gewonnen. "Meine Freundin und ich haben uns sehr über den Gutschein gefreut. Ein Wellnesswochenende haben wir schon länger als Wunsch gefasst. Dank euch wird es dieses Jahr möglich", sagt Marvin Kaeding.

Wellness-Tribune Trinkplan

Trinken ist wichtig. Doch leider trinken wir oft zu wenig. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt dem Körper täglich bis zu 1,5 Liter Wasser zuzuführen. Schaffen Sie das? Mit dem Wellness-Tribune Trinkplan behalten Sie den Überblick. Drucken Sie Ihren persönlichen Trinkplan jetzt aus und streichen Sie für jedes getrunkene Glas Wasser (250 ml) einen Stern. Sie werden sehen: Durch diese Selbstkontrolle wird die Flüssigkeitszufuhr rasch zur Gewohnheit.