
Das Beobachten der ankommenden Kraniche ist für Kranich-Ranger Kenneth Küper tägliche Routine. So verschafft er sich den Überblick, bevor er mit dem Zählen der Vögel beginnt. Foto: Andreas Gillner
Von Andreas Gillner
Altenpleen/Günz. Ein Morgen im Kranorama Altenpleen/Günz zeigt: Der herbstliche Vogelzug ist längst mehr als ein reines Naturschauspiel. Während Ranger Hunderte Vögel zählen, verändern milde Winter spürbar die Zugwege. Besucher wollen die Tiere beobachten, Landwirte ihre Felder schützen – und 30 Tonnen Futter sollen helfen, die Kraniche von den Neusaaten fernzuhalten.
602 Kraniche am Morgen
Um neun Uhr sind vor dem Kranorama in Altenpleen/Günz, rund 14 Kilometer nordwestlich von Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern nur zwei Fotografen unterwegs. Lange Teleobjektive ragen in Richtung der Felder. Im Beobachtungszentrum ist Kenneth Küper schon bei der Arbeit. Der ehrenamtliche Kranich-Ranger steht am Spektiv und beginnt mit der morgendlichen Zählung. Eine Hand liegt am Stativ des Fernrohrs, in der anderen hält er den kleinen Handzähler. Jeder Druck auf den Zähler steht für einen Kranich. Sind die Tiere in Gruppen sehr eng beieinander, muss auch schon mal geschätzt werden.
„Kraniche zu zählen“, sagt Küper, „ist vor allem Übungssache“. Tatsächlich geht die Erfassung schnell. Am Ende steht die Zahl 602 auf seinem Handzähler. Küper vergleicht den Wert mit dem Ergebnis des Vortages – an diesem Tag sind es rund 50 Vögel mehr. Von Tag zu Tag wird der Trupp größer. Im September und Oktober wird am Kranorama täglich vormittags und nachmittags gezählt. Die Ergebnisse werden im nahegelegenen NABU-Erlebniszentrum Kranichwelten dokumentiert und auf der Internetseite von Kranichschutz Deutschland (kraniche.de) veröffentlicht.
Von Skandinavien über die Ostsee nach Süden
Die 602 gezählten Vögel sind Teil eines gewaltigen Zuggeschehens. Die Kraniche aus Schweden und Norwegen ziehen im Herbst meist über Südschweden und die Ostsee zur vorpommerschen Küste. Von dort führt die Route für viele weiter nach Südwesten: Über die Diepholzer Moorniederung geht es Richtung Frankreich und teilweise bis nach Spanien.
Doch diese Route ist nicht mehr für alle Tiere gleich lang. Kranichschutz Deutschland beobachtet seit Jahren eine zunehmende Verkürzung der Zugwege und eine Nordverlagerung der Überwinterungsgebiete. Immer mehr Kraniche überwintern weiter nördlich, etwa in Frankreich, und ziehen nicht mehr bis nach Spanien. In milden Wintern bleiben inzwischen rund 20.000 Kraniche in Deutschland.

Kenneth Küper hält die bunten Ringe in der Hand, mit denen Kraniche markiert werden. Foto: Andreas Gillner
Wie einzelne Kraniche auf ihren Zugwegen unterwegs sind, lässt sich anhand beringter Tiere nachvollziehen. Mitten unter den vielen Vögeln entdeckt Kenneth Küper an diesem Morgen einen Bekannten, den er bereits seit 2022 kennt: Madame Steele. Der Name klingt nach einem Weibchen, tatsächlich aber handelt es sich um ein Männchen. Individualisieren lässt sich der Vogel anhand seiner bunten Ringkombination an den Beinen: Blau-Blau-Braun steht für das Herkunftsland Deutschland, Rot-Blau-Weiß am anderen Bein ist der persönliche Code des Tieres. „Die Farbringe funktionieren wie ein Personalausweis“, meint Küper. Wird Madame Steele an einem anderen Rastplatz erneut abgelesen, kann die Sichtung über die Online-Datenbank iCORA erfasst werden. Dort werden die Beobachtungen eines individuell markierten Kranichs zusammengeführt. So lässt sich über die Jahre nachvollziehen, wo einzelne Tiere unterwegs sind und welche Zugwege sie nehmen.

Am Kranorama am Günzer See können die rastenden Kraniche aus sicherer Entfernung beobachtet und fotografiert werden. Foto: Andreas Gillner
Kraniche beobachten – und Abstand halten
Kaum ist die Zählung beendet, treffen im Kranorama die ersten Besucher ein. Einige beobachten und fotografieren die Kraniche mit dem Handy, andere blicken durch große Teleobjektive oder nutzen das Spektiv, das die Ranger zur Verfügung stellen. Diese optische Vergrößerung ist unverzichtbar, denn die Besucher müssen zwingend Distanz halten.
Die strikten Abstandsregeln haben einen biologischen Grund: Kraniche besitzen eine große Fluchtdistanz von bis zu 300 Metern. Werden sie durch zu nahe kommende Menschen aufgescheucht, verlieren sie wertvolle Energie, die sie für ihren anstehenden Weiterzug brauchen. Da das Interesse an den Vögeln schneller gewachsen ist als die Infrastruktur vor Ort, beschreibt Kranichschutz Deutschland die wachsende Besucherzahl an den Rastplätzen als logistische Herausforderung.
Wie real die Gefahr von Störungen ist, zeigt sich auch an diesem Tag: Plötzlich taucht eine Frau mit ihrem Handy mitten auf der gesperrten Wiese auf. Bei Kenneth Küper und seinen Kollegen stößt das auf großes Unverständnis, schließlich sind die Absperrungen unübersehbar gekennzeichnet. Zum Glück, sagt Ranger Matthias März, komme so etwas selten vor. Aber auch er musste schon aufs Fahrrad steigen, um unvorsichtige Menschen direkt auf die Regeln aufmerksam zu machen.
Wer die Vögel dennoch ganz nah erleben und fotografieren möchte, ohne sie zu stören, für den gibt es eine sichere Alternative: Spezielle Beobachtungshütten können am Kranorama gemietet werden. Dort gelten allerdings strenge Regeln im Sinne des Tierschutzes: Wer hineingeht, muss vor Sonnenaufgang in der Hütte sein und darf sie erst nach Sonnenuntergang wieder verlassen.

In einer Gruppe von Kranichen entdeckt Kranich-Ranger Kennth Küper einen bekannten Vogel: Madame Steele, zu erkennen an den Ringen. Foto: Kenneth Küper
Dem Zugvogel per Satellit auf der Spur
Manche Besucher belassen es jedoch nicht beim reinen Beobachten, sondern unterstützen den Schutz der Tiere aktiv. Zu ihnen gehören Kathrin und Inga, die wenig später im Kranorama eintreffen. Die beiden Frauen aus Hamburg und Greifswald sind sogenannte GPS-Patinnen. Über ein Projekt von Kranichschutz Deutschland finanzieren sie zusammen mit weiteren Mitstreitern die Besenderung eines Wildvogels.
Der solarbetriebene Sender übermittelt die Positionsdaten per Mobilfunk, sodass die Patinnen die Reise ihres Kranichs auf einer digitalen Karte im Internet verfolgen können. An diesem Tag haben sie ihren Schützling bei einem Blick durch das Spektiv mitten auf den Feldern entdeckt.
30 Tonnen Futter für die Kranichsaison
Beim Blick über die weiten Flächen fällt es zunächst kaum auf: das Futter. Rund 30 Tonnen Weizen und Mais werden während der Saison von Anfang September bis Ende Oktober ausgebracht. Während zu Beginn vor allem Weizen auf dem Speiseplan steht, erhöht sich der Maisanteil, je mehr Vögel eintreffen. Ein einzelner Kranich benötigt nach Angaben von Kenneth Küper während der Rast- und Zugzeit rund 300 Gramm Körnernahrung am Tag.
Verteilt wird das Getreide auf dem ausgewählten Gelände eigenverantwortlich von einem lokalen Landwirt, der immer dann nachlegt, wenn die Flächen weitgehend leergefressen sind. Wie viel davon am Ende tatsächlich im Magen der Kraniche landet, lässt sich allerdings nicht genau sagen – schließlich bedienen sich auch Gänse, Enten und Stare reichlich am Buffet.
Für die Ranger hat diese Fütterung ohnehin zwei ganz pragmatische Seiten: Sie liefert den Kranichen die nötige Energie für den Weiterflug und hält die Vögel gleichzeitig von den frisch ausgesäten Feldern der Umgebung fern. Denn die herbstlichen Neusaaten der Bauern sind für die hungrigen Tiere eine fast unwiderstehliche Versuchung.
Wenn Naturschutz und Landwirtschaft zusammenkommen
Fachleute sprechen deshalb von einer sogenannten Ablenkfütterung. Sie ist nicht einfach eine zusätzliche Nahrungsquelle, sondern soll dazu beitragen, Kraniche und andere Rastvögel von bewirtschafteten Flächen fernzuhalten, um Ernteschäden zu reduzieren. Kranichschutz Deutschland setzt die Maßnahme im Rahmen des Vertragsnaturschutzes ein, um mögliche Schäden an Neusaaten zu reduzieren. In Mecklenburg-Vorpommern wird dafür die Fläche vor dem Kranorama am Günzer See genutzt.
Ganz ohne finanziellen Ausgleich für die Landwirtschaft geht es trotzdem nicht. Mecklenburg-Vorpommern hat dafür 2025 eine neue Richtlinie für Schäden durch besonders geschützte Großvogelarten erlassen. Bei nachgewiesenen Ernteschäden können finanzielle Hilfen gewährt werden – so sind für den notwendigen Umbruch der Erstsaat und die Neubestellung bis zu 180 Euro je Hektar vorgesehen.
In Günz scheint dieser klassische Konflikt derzeit weitgehend entschärft zu sein. Matthias März betont, dass es keine Probleme mit den Landwirten in der Region gebe. Die Bauern stünden voll hinter dem Projekt und den Tieren.
Der Kranichzug in Zahlen
- Die Route: Die Vögel aus Skandinavien ziehen im Herbst über Südschweden und die Ostsee zur vorpommerschen Küste. Von dort führt der Zugweg über weitere Rastplätze in Deutschland nach Frankreich und teilweise bis nach Spanien.
- Der Klimaeffekt: Die Zugwege der Kraniche werden kürzer. Kranichschutz Deutschland stellte fest, dass die durchschnittliche Zugstrecke im vergangenen Winter bei etwa 750 Kilometern lag – zehn Jahre zuvor waren es noch rund 1.000 Kilometer. In milden Wintern bleiben inzwischen rund 20.000 Kraniche in Deutschland.
- Der Rastplatz: Die vorpommersche Küste gehört zu den bedeutendsten Rastregionen Europas. Im Herbst versammeln sich hier zeitweise Zehntausende Kraniche, um Kraft für den Weiterflug zu tanken.
- Kranichwelten: In Europas größtem Kranichzentrum, dem NABU-Erlebniszentrum Kranichwelten in Altenpleen/Günz, können Besucherinnen und Besucher die Welt der Kraniche entdecken. Dafür steht ihnen eine interaktive Ausstellung und ein großer Aussenbereich zur Verfügung, in dem verschiedene Lebensräume von Kranichen erkundet werden können. Weitere Informationen gibt es unter kraniche.de
- iCORA: Onlinedatenbank für Wiederfunde farbig markierter und besenderter Grauer Kraniche. iCORA