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Mehr als eine Tasse

Zwei Menschen und ihr Handwerk

Charlotte Böhmer arbeitet in ihrer Werkstatt an einer Schale

Charlotte Böhmer arbeitet an einer Schale. Foto: Andreas Gillner

Höhr-Grenzhausen. 5.September 2026 Charlotte Böhmer arbeitet, während sie erzählt. Auf der Töpferscheibe vor ihr dreht sie eine Vase, auf die sie mit feinen Pinselstrichen und ruhiger Hand Blumenmotive malt. An ihrem Arbeitsplatz am Fenster stehen verschiedene Farbtöpfe, daneben Kisten mit unterschiedlichen kleinen Schwämmchen mit Motiven, die sie als Stempel für die Dekoration ihrer Gefässe nutzt.

In der Werkstatt hat alles seinen Platz. An der Wand hinter ihr ein Regal mit fertigen Produkten, davor warten auf einem Tisch, ordentlich platziert, Keramikkugeln auf ihren Brand.

Die Keramikwerkstatt Böhmer, die von Charlotte und Sigerd betrieben wird, liegt in Höhr-Grenzhausen. Der Ort ist seit Jahrhunderten mit der Keramik verbunden. Auch die Werkstatt selbst verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Zum Töpfereianwesen gehört ein Kannofen aus der Zeit um 1870. Solche Salzbrandöfen prägten einst die Keramikproduktion in Höhr-Grenzhausen. In den 1930er Jahren gab es in der Stadt noch rund 60 solcher Öfen. Der Ofen der Böhmers wurde 1954 letztmals betrieben und später auf Initiative von Sigerd Böhmer wieder genutzt.

„Ich hatte keine Chance, etwas anderes zu machen“, sagt Charlotte Böhmer und lacht. Sie stammt aus Höhr-Grenzhausen und wuchs in einer Töpferfamilie auf. Ihr Vater leitete die Berufsfachschule für Keramik. Bei Sigerd Böhmer war der Weg weniger vorgezeichnet. Nach dem Abitur wollte er etwas Handwerkliches machen, sogar Dachdecker zu werden, hatte er einmal überlegt. Schließlich entschied auch er sich für Keramik. Kennengelernt haben sich beide an der Fachschule für Keramikgestaltung in Höhr-Grenzhausen. Seit mittlerweile über 30 Jahren arbeiten sie nun gemeinsam in ihrer Werkstatt.

Zwei Menschen, zwei Aufgaben

Dass das funktioniert, sei auch eine Frage des Charakters, sagt Charlotte Böhmer. Beide hätten einen ähnlichen Ordnungssinn und seien gleichermaßen fleißig. Vor allem aber haben sie ihre Aufgaben klar verteilt. Beide arbeiten an der Töpferscheibe, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Charlotte Böhmer fertigt vor allem Tassen und kleinere Gefäße, Sigerd Böhmer Teller und Schüsseln. Sie übernimmt die Dekoration und während sie malt und dekoriert, kümmert er sich um den Ofen und die übrigen Arbeiten in der Werkstatt.

Seit über 30 Jahren Arbeiten Charlotte und Sigerd Böhmer gemeinsam in ihrer Keramikwerkstatt

Charlotte und Sigerd Böhmer arbeiten seit über 30 Jahren gemeinsam in ihrer Keramikwerkstatt. Foto: Andreas Gillner

Die Arbeitsteilung ist für sie selbstverständlich. „Ich könnte nicht dekorieren“, sagt Sigerd Böhmer. „Du willst es nicht“, entgegnet seine Frau lachend.

Es ist ein kurzer Dialog, der die Vertrautheit der beiden besser beschreibt als jede Erklärung. Sie kennen die Fähigkeiten des anderen. Und trotzdem lernen sie noch immer voneinander. „Voneinander lernt man täglich“, sagen beide.

Sigerd Böhmer erzählt von einer kleinen technischen Besonderheit beim Drehen einer Schüssel, die er von seiner Frau übernommen hat. Früher habe er die Schüssel mit der Schere abgehoben. Charlotte zeigte ihm, dass es auch mit Zeitung geht. „Das wusstest du nicht?“, fragt sie überrascht. Sie wiederum hat durch das gemeinsame Leben mit der Werkstatt viele praktische Dinge gelernt. Als das Haus übernommen wurde, war es stark renovierungsbedürftig. Vieles, was rund um das Gebäude zu tun war, musste sie sich erst aneignen.

Während des Gesprächs entschuldigt sich Sigerd Böhmer plötzlich und verlässt die Werkstatt. Die Dachdecker brauchen seine Hilfe. Der letzte Sturm hat auch das Dach des historischen Ofenhauses beschädigt. Die neuen Dachziegel passen nicht. Sigerd Böhmer bleibt gelassen. Die Dachdecker würden schon eine Lösung finden. Auch das gehört zum Alltag ihres Handwerks. Die Arbeit findet nicht in einer abgeschlossenen Kulisse statt. Während weiter produziert wird, muss an einer anderen Stelle das Gebäude erhalten werden.

Die Freiheit, eine eigene Handschrift zu entwickeln

Auf die Frage, was beide an der Keramik so fasziniert, müssen sie nicht lange nachdenken. Es ist die Vielfalt. Es gibt unterschiedliche Materialien, Techniken und Brennverfahren. Für Sigerd Böhmer eröffnen sich dadurch immer neue Möglichkeiten. Keramik sei in vielen Bereichen noch immer nicht abschließend erforscht, so seine Überzeugung. Trotz dieser Vielfalt entwickelt jeder Keramiker und jede Keramikerin eine eigene Handschrift. Für die Böhmers gehört genau diese Verbindung aus Ausbildung und persönlicher Freiheit zum Beruf. Die handwerklichen Grundlagen müssen sitzen. Danach bleibt genügend Raum für die eigene Entwicklung.

Die Ware passe immer zum jeweiligen Keramiker, sagen sie. Sie werde Teil seiner Persönlichkeit und könne deshalb nicht einfach kopiert werden. Ihre eigene Formensprache haben die beiden über Jahrzehnte beibehalten.

Als Keramik schwierig wurde

Nach Einschätzung der Böhmers hatte die Keramikindustrie ihre besonders guten Jahre in den 1970er bis 1990er Jahren. Danach wurde es schwieriger. Industriell gefertigte Massenware kam auf den Markt. Gleichzeitig veränderte sich der Geschmack der Kunden. Keramik bekam für manche etwas Altmodisches. Nach ihrer Erfahrung konnten sich kleine Werkstätten mit ein oder zwei Personen unter diesen Bedingungen teilweise leichter behaupten. Größere Betriebe mit mehreren Beschäftigten hatten durch die sinkende Nachfrage höhere Personalkosten zu tragen und größere Probleme. Viele mussten in dieser Zeit ihre Betriebe schließen.

Die Böhmers haben ihre Arbeit dennoch nie infrage gestellt. Aufhören war für sie nie eine Option. Sie passten sich an. Erst verkauften sie ihre Keramik vor allem auf Märkten. Dann kam der eigene Laden hinzu, der auch neue Besucher und Kunden brachte, die noch heute wegen der Bedeutung von Höhr-Grenzhausen als Keramikstandort in die Region kommen. Dass sie dabei ihren Stil über Jahrzehnte beibehalten haben, sehen sie als Vorteil. Viele Kunden kommen deshalb wieder. Alles, was sie jemals produziert haben, kann bei Bedarf erneut getöpfert werden. Es überrascht deshalb nicht, dass das Paar manche Kunden bereits über mehrere Generationen kennt. Bei einigen sind sie mit der gesamten Familiengeschichte vertraut – von den Großeltern über die Eltern bis zu den Enkeln.

Als Keramiker verkauft man seine Geschichte mit

Wer ihre Werkstatt besucht, sieht nicht nur fertige Gefäße. Da sind die Werkzeuge, die Farben, der Arbeitsplatz am Fenster – und die Menschen, die mit diesen Dingen arbeiten. „Als Keramiker verkauft man auch seine eigene Geschichte mit“, sagt Sigerd Böhmer. Viele wünschten sich wieder ehrliche Produkte und Qualität statt Billigware, sagen die Böhmers. Doch sie wissen auch, wie schnell sich Geschmack und Märkte verändern können.

Seit der Corona-Zeit beobachten sie in ihrer Kundschaft eine weitere Veränderung. Regionalität und die Herkunft eines Produktes seien wieder wichtiger geworden. Handwerklich hergestellte Dinge würden stärker geschätzt, denn praktische Tätigkeit sei etwas sehr Menschliches, meint Charlotte Böhmer. Für manche Menschen könne sie ein Gegenentwurf zu einer zunehmend hektischen Arbeits- und Lebenswelt sein.

Schönheit, die benutzt werden darf

Für Charlotte Böhmer muss deshalb Keramik einerseits gut gestaltet, andererseits aber auch funktional sein. Die keramischen Gegenstände sollen benutzt werden. „Wir sind keine Leute, die gerne abstauben“, sagt sie. Am besten sei deshalb die Verbindung von Nutzen und Schönheit.

Schale an der Charlotte Boehmer arbeitet

Charlotte und Sigerd Böhmer wollen nicht, dass ihre Keramik im Schrank landet. Ihnen ist es wichtig, dass alles auch genutzt wird. Foto: Andreas Gillner

Wie individuell das sein kann, zeigt die Geschichte einer Kundin. Sie hatte eine Tasse, deren Größe genau ihren Vorstellungen entsprach. Das Design gefiel ihr allerdings nicht. Sie fand die Tasse schlichtweg hässlich.

Die Böhmers fertigten dann eine neue Tasse nach ihren Vorstellungen – mit der gewünschten Größe und einem anderen Design.

Ein Beruf, der zum Lebensweg wurde

Charlotte Böhmer war 17 Jahre alt, als sie während ihrer Ausbildung in einer Töpferei auf Juist arbeitete. Dort lebten und arbeiteten die Menschen als Hausgemeinschaft. Sie arbeiteten zusammen, lebten zusammen und aßen gemeinsam. Die Töpfermeister, die damals bereits über 60 waren, wurden für sie zu Vorbildern. Der Lebensstil prägte sie nachhaltig. Und so schätzte sie später, dass sie Beruf und Familie verbinden konnte und trotz der Arbeit in ihrer Werkstatt immer auch genügend Zeit für ihre Töchter hatte.

Weniger arbeiten, aufhören nicht

Was würde fehlen, wenn sie eines Tages nicht mehr töpfern könnte? Charlotte Böhmer denkt kurz nach. Weniger arbeiten, sagt sie, könnte sie sich vorstellen. Aufhören nicht.

 

  • Tipp: Die Keramiktradition im Westerwald lässt sich auch vor Ort erleben: Eine VHS-Exkursion am 20. Oktober 2026 führt ins Keramikmuseum Westerwald und anschließend in die Keramikwerkstatt Böhmer. 
  • Informationen und Anmeldung: Auf den Spuren des Tons – Zu Gast im Kannenbäckerland